Die Kleinasiatische Katastrophe

30. Juli 2009

Das, was die Griechen als Kleinasiatische Katastrophe (Mikrasiatikí Katastrofí), bezeichnen, bedeutete 1922/23 eine menschliche Katastrophe für mehr als 1,5 Millionen Flüchtlinge und Zwangsumgesiedelte, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme für das ganze Land, aber auch Bereicherung für die griechische Kunst und Kultur. Schriftsteller wie der Literaturnobelpreisträger Giorgos Seferis und Jeffrey Eugenides schrieben darüber. Flüchtlinge brachten ihre Kultur und ihre Musik mit. Für die meisten unter ihnen war sie das einzige, was ihnen geblieben war. Neue Stile entstanden daraus. Eines der Resultate ist beispielsweise die Rembétika-Musik. Darum hier kurz Ablauf und Vorgeschichte dieser dramatischen Ereignisse.

Fast 3000 Jahre Griechentum in der östlichen Ägäis nahmen ein abruptes Ende

Bereits um 1000 v. Chr. waren ionische und äolische Kolonien in Ephesos, Milet, Smyrna und andernorts gegründet worden. Einige Jahrhunderte später folgten weitere, wie Byzanz am Marmarameer sowie zahlreiche Städte an den Küsten des Schwarzen Meeres. Mit den Eroberungen Alexanders verbreitete sich die griechische Sprache und Kultur bis ins Innere Kleinasiens. Nach der Zurückdrängung aus einigen dieser Gebiete und der Übernahme der Herrschaft durch die Osmanen im 15. Jahrhundert behaupteten sich die Griechen mit ihrer Kultur und ihrem orthodoxen Glauben vor allem weiter an der Westküste, in einigen Tälern landeinwärts und im Nordosten der Schwarzmeerküste.

Blüte und Untergang Smyrnas

Die Stadt, die heute zur Türkei gehört und nun Izmir heißt, war eine blühende kosmopolitischen Stadt, der ihre günstige Lage an den Handelswegen Wachstum, Wohlstand und Weltoffenheit brachte. Hier endete die durch Anatolien führende Karawanenstrasse. Hier legten die europäischen Schiffe an. Seit dem 17. Jahrhundert kam der Stadt eine Mittlerstellung im Handel zwischen Asien und Europa zu, die im 18. Jahrhundert an Bedeutung gewann und um 1900 zur Hochblüte der Stadt führte. Die Bevölkerung setzte sich aus verschiedenen Konfessionen und Nationalitäten zusammen. Neben großen Anteilen orthodoxer Griechen und muslimischer Türken lebten starke jüdische und armenische Bevölkerungsgruppen in ihr, ebenso wie zahlreiche Ausländer – hauptsächlich Briten, Franzosen, Deutsche und Italiener. Es gab elegante Hotels, Restaurants und Cafés, eine Uferpromenade, auf der die französischer Mode folgende Elite promenierte, ein blühendes Kulturleben und fortschrittliches Schulsystem. Spätestens mit dem Ende des ersten Weltkriegs und den damit einhergehenden Gebietsneuordnungen und deren Anfechtungen war das Ende dieser friedlichen Koexistenz heraufbeschworen, das sich bereits vorher durch aufkeimenden Nationalismus abgezeichnet hatte. Der Vertrag von Sèvres regelte unter anderem, dass Griechenland das Völkerbundmandat über Smyrna und das östliche Thrakien haben sollte. Dieser Vertrag wurde von der Regierung des Osmanischen Reiches unterzeichnet. Die oppositionelle Bewegung unter General Mustafa Kemal, der als Atatürk in die Geschicht einging, lehnte seine Bedingungen jedoch ab. Bald folgten bewaffnete Auseinandersetzungen. Im August 1922 entschied die Türkei den entstandenen griechisch-türkischen Krieg mit dem Sieg in der Schlacht am Pontos für sich. Die griechischen Truppen mussten sich zurückziehen. Im September 1922 stand Smyrna in Flammen. Seine griechischen und armenische Viertel wurden zu Schutt und Asche. Viele seiner Einwohner kamen im Feuer um, Hunderttausende retteten sich, verlustig ihres Hab und Guts, auf die nahen griechischen Inseln und das griechische Festland.

Zwangsmigrationen großen Ausmaßes

Wer nicht bereits geflohen war, wurde in der Folge zwangsumgesiedelt. Denn 1923 wurde im Einvernehmen beider Regierungen ein Bevölkerungsaustausch vereinbart, der neben rund 1,25 Millionen Griechen auch etwa 500.000 Türken betraf. Als Kriterium galt die Religion, nicht die Sprache oder ethnische Zugehörigkeit. Folglich mußten alle orthodoxen Christen Anatolien und Ostthrakien verlassen, nur in Istanbul und auf einigen vorgelagerten Inseln konnten sie bleiben. Im Gegenzug mussten alle Muslime mit Ausnahme derer in Westthrakien aus Griechenland wegziehen. Nach dieser Umschichtung betrug in Griechenland der Flüchtlingsanteil ein Viertel der Bevölkerung. Zunächst hausten die ihrer Heimat Beraubten in ärmlichen Holz- und Wellblechunterkünften meist ab den Rändern der Städte und Ausfallstraßen. Bald entstanden neue Flüchtlingssiedlungen, die das Wort „Neu“ (gr. Néa, Néo(s)) in ihrem Namen trugen, so wie Néa Smýrni (Νέα Σμύρνη), Néos Marmarás (Νέος Μαρμαράς).

Raum+Zeit - über alles, was die beiden füllt: Landschaften, Inseln, Jahres- und Tageszeiten, ...