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Ioanna Karystianis neuer Roman „Die Augen des Meeres“

21. November 2009

augendesmeeresDer Roman greift wieder das Thema von Ioanna Karystianis Erstlingswerk „Die Frauen von Andros“ auf, das Leben der Seefahrer und ihrer an Land zurückgebliebenen Frauen und Kinder. Doch spielt Karystianis neues Werk in unserer Zeit, wohingegen „Die Frauen von Andros“ in der Zeit vom Beginn des letzten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs angesiedelt war. Während sich gesellschaftliche Situation und Technik geändert haben und das Leben zur See nicht mehr ganz so hart wie einst ist, bleiben die menschlichen Dramen die gleichen. Zentral ist wieder die Unmöglichkeit, unter den extremen Bedingungen langer Trennung und derart einander fremder Welten, wie der der Meere und der des Festlands, eine normale, durchschnittliche Liebes- und Familienbeziehung zu leben. Wieder fordern die extremen Bedingungen auch extreme Verhaltensweisen heraus, einmal bedingungslose Hingabe, verträumte Schwärmerei und nichts fordernde, nie erlöschende Liebe, im anderen Fall Verbitterung und Austrocknung der Gefühle.
Die Hauptperson Dimitris Avgoustis fährt seit sechzig Jahren zur See. Als Kapitän ist er bei Reedern und Mannschaft geschätzt. Das Meer hält ihn gefangen. Ein nicht eingestandenes körperliches Gebrechen gesellt sich dazu, so dass er schließlich keinen Fuß mehr an Land setzt und trotz Alters und Behinderung sich störrisch weigert, das Kommando über das Schiff abzugeben. Über zwölf Jahre hat er zu Beginn der Erzählung keinen Fuß mehr an Land gesetzt. Demgemäß spielt der Roman auch mehr zur See als zu Land. Dennoch wird auch in diesem wie in den beiden früheren Romanen viel an griechischer Lebensart spürbar. Die Matrosen tanzen Zembekiko und hören und summen griechische Lieder von Glykeria, Moscholiou und anderen griechischen Interpreten, schätzen die gute griechische Kost ihres Kochs und träumen von griechischen Weinbergen. Jedoch spielen griechische Landschaften nicht so stark hinein wie in „Die Frauen von Andros“ und „Schattenhochzeit“. Doch wem diese beiden Titel gefallen haben, der wird auch „Die Augen des Meeres“ gern lesen. Die gleiche poetische und doch schlichte Sprache, die gleichen eindrucksvollen Stimmungsbilder, der gleiche verständnisvolle Blick auf das menschliche Dasein mit Freude und Leid, Leidenschaft und Langeweile, Liebe und Verbitterung, Erinnerung und Verdrängung, Gebrechlichkeit und Altern. Ähnlich wie bei den beiden Vorgängerromanen kann der mit griechischen Eigennamen und deren Kurzformen nicht Vertraute vielleicht Probleme haben, den Überblick über die Romanfiguren zu bewahren, die mal mit vollen Vor- oder Familiennamen, mal bei in der einen oder anderen Kurzform genannt, mal mit ihrer Dienststellung bezeichnet werden. Hier könnten einige Notizen hilfreich sein. Dies betrifft jedoch nur die Personen rund um den Kapitän Dimitris (Mitsos / Mimis) Avgoustis. Nicht im Kopf behalten braucht man die 20-köpfige Schiffsbesatzung, die kurz nach Beginn vorgestellt wird. Wer von ihr später überhaupt noch einmal eine Rolle spielt, wird noch einmal vorgestellt. Insgesamt ist der Roman in seinem Aufbau gut durchdacht, so dass ihm leicht zu folgen ist.

Wer noch gar nichts von der Autorin gelesen hat und bei der Lektüre auch Urlaubserinnerungen wach werden lassen oder sich ein atmosphärisches Bild griechischer Inseln machen will, dem empfehle ich als erstes statt des aktuellen Romans die Lektüre von „Die Frauen von Andros“, besonders falls er die Kykladen bereist hat oder sich auf einen Urlaub dort einstimmen will, oder „Schattenhochzeit“, falls seine Reiseinsel Kreta ist. Auf jeden Fall ist Karystiani eine Entdeckung wert.

Ioanna Karystiani, Die Augen des Meeres
aus dem Griechischen übersetzt von Michaela Prinzinger
Suhrkamp Verlag,
Erschienen: 21.09.2009
Gebunden, 305 Seiten, EUR 22,80 (DE) bzw. 23,50 (AT)
ISBN: 978-3-518-42104-8

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