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Lektüre zur Passionszeit von Christos Ikonomou

22. März 2015

16 Erzählungen aus dem heutigen Griechenland umfasst das Buch Warte nur, es passiert schon was, für das der 1970 in Athen geborene Autor Christos Ikonomou mit dem griechischen Literaturstaatspreis ausgezeichnet wurde – eine davon trauriger als die andere.

Sie spielen im Hafenviertel von Piräus und erzählen von Verlust, Armut, Aussichts- und Hoffnungslosigkeit in so schlichten, wahren Worten und poetischen, einprägsamen Bildern, dass man tiefe Empathie mit den geschundenen, bestohlenen, geprügelten oder einfach nur „links liegen gelassenen“ Gestalten fühlt, die sie bevölkern. Man folgt ihnen bei der Lektüre in ihre bescheidenen Mietwohnungen, blickt mit ihnen durchs Fenster auf die flimmernden Lichter der Schiffe unten im Hafen und läuft mit ihnen durch Straßen, über Plätze und entlang der Mauern und Kais einer Hafenstadt voller Melancholie, Tristesse und einer gedämpften, herben Schönheit weit weg von Touristenführerflair und Urlaubsstimmung.

Eine besinnliche Lektüre für die Passionszeit, für die Wochen des Fastens und Innehaltens, in denen für die christlichen Religionen in West ebensowie in Ost das Leiden im Zentrum steht – von der eigene Entbehrung über das Leid der anderen bis zum Leidensweg Jesu – seinem Abschied von der Erde und seinen Jüngern, seinem Verrat durch Judas, seiner Kreuzigung. Was könnte besser in diese Zeit passen als diese Sammlung von einfühlsam und durchweg in düsteren Tönen gezeichneten Schicksalen Verratener, Verlassener, Arbeitsloser, der Armut anheim Gefallener, ihrer Freunde, ihres Heims, ihrer Hoffnung, ja schließlich ihrer Sprache Beraubter. Lassen wir uns von ihr begleiten durch die Passionszeit bis zum Osterfest, auf das auch zwei der Erzählungen Ikonomous hinlaufen.

Die Erzählung „Und ein Überraschungsei für den Jungen“ erzählt von einem mittellosen Vater, dessen kleiner Junge ebenso wie er selbst hungern muss und der kein Geld auftreiben kann, um dem Kind etwas zu Essen zu bringen, geschweige denn etwas besonderes, festliches, österliches, wie Ostergebäck oder ein Überraschungsei. Statt dessen irrt er vor dem Fest durch die Straßen und spürt, wie er vor Hunger und Scham innerlich ausgehöhlt wird wie von hungrigen Ratten.

Auch der tödliche Unfall von Jannis bestem Freund Petros in der Erzählung „Plakat mit Besenstil“ geschah am Gründonnerstag. Ostersamstag starb Petros. Es wurde Ostermonag, aber draußen hatte sich anscheinend gar nichts verändert. Dunkelheit und Kälte, es sah nach Regen aus, der reinste Karfreitag.

Nichts wird spürbar von Christi Auferstehung, die Osterfreude stellt sich nicht ein. Es bleibt Karfreitag, selbst noch – einige Erzählungen weiter in der Geschichte mit dem Titel „Pinguine in der Warteschlange“ zur Weihnacht.

Leib+Seele - über alles, was es für beide an Griechischem zu genießen gibt