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Nobelpreiswürdige Gassenhauer: Die Gedichte des Poeten Giorgos Seferis

29. Mai 2010

„Im Grunde ist die Dichtung von Seferis eine ganz einfache Dichtung; sie hat sich ein allererstes Schema bewahrt: Die Dinge sind, die Menschen tun“

erkennt der Übersetzer Christian Enzensberger des im Suhrkamp Verlag erschienenen zweisprachigen Gedichtbandes „Giorgos Seferis Poesie“ in seinem Nachwort dazu.

In Tavernen und auf der Straße geträllert wird sie im poesie- und musikliebenden Griechenland, die Lyrik des Nobelpreisträgers für Literatur Giorgos Seferis. Denn viele seiner Gedichte wurden zu beliebten Liedern. Beispielsweise die ersten Zeilen des in dem Poesieband enthaltenen Gedichts „Quid platanon opacissimus“. Aus ihnen machte der bekannte griechische Komponist Mikis Theodorakis das Lied „O ypnos se tylixe“ („Der Schlaf umfing dich“), das Maria Farantouri auf ihrer CD „Way Home“ singt. Ebenfalls von Theodorakis ist der mit den Zeilen „Sto perigiali to kryfo“ – „Am versteckten Strand“ beginnende Ohrwurm, der auf dem Gedicht „Arnisi“ („Entsagung“) basiert und eine Rück- und Vorschau auf das eigene Leben – wohl auch das eigene – griechische – Land an einem Strand „so weiß wie eine Taube“ zum Gegenstand hat. Tausende sangen dieses Lied an den Straßenrändern als man den Dichter zu Grabe trug. Erschienen ist das Gedicht bereits 1931 in seinem ersten Band Wende. Leider kennt man im deutschsprachigen Raum die Melodie eher mit einem ganz anderen Text mit dem Titel „Zusammenleben“, gesungen von Milva. Auch andere Komponisten vertonten Seferis-Gedichte, so beispielsweise Ilias Andriopoulos einige Verse des in dem Suhrkamp-Band „Poesie“ enthaltenen „Santorini“.

Was die Werke des 1900 in Smyrna (dem heutigen Izmir) geborenen und 1972 in Athen gestorbenen Giorgos Seferis so alltagstauglich macht, sind ihre schlichte Sprache und ihre eingängigen Bilder. Gewohnt, in seinen Funktionen als griechischer Staatsbeamter und Diplomat in völlig unpoetischen, nüchternen Worten zu sprechen, ist er auch in seiner Poesie um Klarheit und Verständlichkeit bemüht. Man fühlt sich schnell zu Hause in seiner Poesie. Häufig spielt er auf griechische Mythen an. Doch – ob man von deren Inhalt und Bedeutung Kenntnis hat oder nicht – es sind in erster Linie immer wieder kehrende Worte wie Meer, Insel, Schiff, Föhre, Berg, Haus, Statue, Nacktheit, die eine bald vertraute und bald als einmalig griechisch empfundene Umgebung voller Schlichtheit und Klarheit schaffen, in der der Geist Halt und Heimat findet, um von ihr aus auf abenteuerliche Reisen aufzubrechen und weit zu schweifen.

Buchtipp:


Handlicher zweisprachiger Poesie-Band in der Übersetzung von Christian Enzensberger aus der Bibliothek Suhrkamp
96 Seiten, Euro 11,80, ISBN-10: 3518019627

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