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Tochter des Meeres – Der Roman spielt auf Spetses

16. Januar 2010

Tochter des MeeresDer letztes Jahr in deutscher Übersetzung erschienene Roman, den ich diesmal vorstellen möchte, stammt ausnahmsweise nicht von einem griechischen Autor, sondern von dem in der Türkei geborenen und seit seiner Kindheit in Genf lebenden Metin Arditi, der auf Französisch schreibt.

Nicht nur weil seine Geschichte ihren Ausgang auf der griechischen Insel Spetses nimmt und in ihrem Mittelpunkt eine griechische Familie steht, ist er jedem zu empfehlen, der sich für Griechenland interessiert und eine packende Lektüre sucht, die zugleich mit Liebe zum Detail Geist, Atmosphäre und einige Aspekte der Geschichte des Landes vermittelt.

Leichte, seichte Urlaubslektüre ist der Roman nicht. Eher trägt er gewisse Züge einer antiken Tragödie. Doch ist er erfüllt von Meeresbläue, Licht und Sonne. Er handelt von der Liebe in vielen ihrer Facetten, der Liebe zwischen Mann und Frau, Mann und Mann, Mutter und Kind, mütterlicher Freundin und verzweifeltem Schützling, der Liebe zwischen Geschwistern, der Liebe eines orthodoxen Geistlichen zu Gott ebenso wie zu seinen Schäfchen. Damit einher gehen Enttäuschung, Verzweiflung, Schuld- und Hassgefühle und die Schwierigkeit zu leben in einer Welt voller Zwänge. Da sind die Zwänge der Armut, der Flucht, der archaischen Gemeinschaft von Inselbewohnern mit ihren strikten Moralvorstellungen. Ihnen setzten sich Überlebenswille, Mitgefühl und Solidarität entgegen.

Im Zentrum der Handlung stehen starke Frauen, die gemeinsam ihr Schicksal bewältigen und es verstehen, eigenständige Lebenswege zu gehen, in denen Lebensfreude und Ausleben der eigenen Persönlichkeit ebenso ihren Platz haben wie harter Alltag und Hinwendung zum Mitmenschen.
Neben ihnen spielt ein orthodoxer Priester eine zentrale Rolle, ein Priester dem nichts Menschliches fremd ist, der sein Amt ernst nimmt und mit viel Sendebewusstsein, aber auch Menschlichkeit ausübt. Als Sohn eines Schafhirten versteht auch er sich als Schäfer, dem das seelische Wohl ebenso wie das menschenwürdige Überleben jener, die sich ihm als Seelsorger anvertrauen, ernsthaft am Herzen liegt.

Es gibt Leid, Hunger, Einsamkeit. Und dann gibt es die Schande, Magda, ein Schmerz, den der Mensch erfunden hat, als reichten ihm die anderen nicht aus

sagt er im Gespräch mit der Mutter der Hauptperson Pavlina.

Eine große Rolle spielt auch das Meer, dessen Salz die Fischer „im Blut hatten“ und der Leser förmlich auf der Haut spürt. Neben Beschreibungen von Landschaft und Meer sind es Alltag, Religion, Arbeit und Tanz – teils mit griechischsprachigen Ausdrücken als griechische Eigenart hervorgehoben – , die ein lebendiges Bild der Insel und ihrer Bewohner zeichnen. Aspekte griechischer Geschichte, Anfänge des Tourismus, eine erste Fabrik auf der bislang von Landwirtschaft und vor allem Fischfang geprägten Insel, die eine bedeutende Rolle im griechischen Befreiungskampf spielte, bilden den Hintergrund der tragischen Handlung. Weitere Spielorte außer der Insel Spetses sind Athen und Genf.
Was ich persönlich an dem Buch schätze ist der verständnisvolle, von tiefem Mitleid und Bewunderung geprägte Blick auf die Handelnden und ihr Schicksal. Wie der Autor in einem am 21.09.2009 in dem französischen Magazin Le Point veröffentlichenten Interview sagte, ist für ihn Schreiben tatsächlich eine Art Leben zu lernen und somit zu lernen, kein Urteil zu fällen.

Gleichzeitig mit der Buchform erschien ein von der Schauspielerin Maria Hartmann gesprochenes Hörbuch.

Metin Arditi, Tochter des Meeres
aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz
Hoffmann und Campe, Hamburg, 2009, 17,95 EUR (D) 18,50 EUR (A) 31,90 SFR (CH)
gebunden, 256 Seiten,
ISBN: 978-3-455-40143-1

Hörbuch gesprochen von Maria Hartmann auf 3 CDs
ISBN: 978-3-455-30655-2

Leib+Seele - über alles, was es für beide an Griechischem zu genießen gibt