Wutgriechen blasen zur Revolution

1. Juni 2011
greekrevolution

Foto tom.tziros, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Fällt zur Zeit in den Medien das Wort „Griechenland“, so findet man meist unweit davon das Wort „Krise“. Gemeint ist meist die Finanzkrise. Hauptaugenmerk liegt dabei auf deren Auswirkungen und auf den Versuchen zu ihrer Bewältigung. Doch Krise beinhaltet – besonders in Griechenland, dem Land aus dessen Sprache das Wort kommt – mehr als das. Ursprünglich bedeutete κρίσις (krisis) “ Meinung“, ¨Beurteilung“. Dazu kam der Gebrauch des Wortes im Sinne von „Entscheidung“. Später vollzog sich ein Bedeutungswandel hin zu einer mit einer schwierigen Situation verbundenen Entscheidungssituation, wie einer Zuspitzung, einem Wendepunkt. Zunehmend macht sich offenbar in der griechischen Bevölkerung das Gefühl breit, an einem solchen Wendepunkt zu stehen.  Viele mischen sich in die Diskussion ein, wie es weitergehen soll.  Natürlich protestieren Gewerkschaften und Interessengruppen gegen Einschnitte und Sparmaßnahmen, die sie treffen und die sie als ungerecht empfinden. Doch neben ihren Streiks und Kundgebungen strömen  auch viele Menschen aller Schichten auf die Straßen und Plätze, um zu zeigen, dass es um sie geht, dass sie sich einmischen wollen und dass sich grundlegend etwas ändern muss in ihrem Land. Seit nunmehr sieben Tagen kommen große Menschenmassen nicht nur auf dem Athener Syntagma Platz, sondern auch in Thessaloniki, Patra und vielen anderen Städten zusammen.

Der Funke soll von Spanien übergesprungen sein, wo bei ähnlichen Protestversammlungen kürzlich ein Transparent mit der Aufschrift „Psst, seid ruhig, sonst weckt ihr die Griechen auf“ aufgetaucht ist. „Hätten die Spanier das Plakat nicht in eine blöde Kamera gehalten, dann wäre ich nun daheim und nicht hier“, soll ein griechischer Einsatzpolizist sich beklagt haben. Denn in einer vernetzten Welt kam die Botschaft natürlich an. Die Griechen ließen sich das nicht zweimal sagen, obwohl man in der Tat nicht behaupten kann, sie hätten bislang geschlafen. Viele Streiks bis hin zu mehreren Generalstreiks und zahlreiche Demonstrationen haben die letzten Monate geprägt. Nur waren das eben meist organisierte Proteste bestimmter Interessengruppen, zumeist von Berufsverbänden und Gewerkschaften. Aktuell  hingegen finden sich Menschen aller Schichten spontan auf den großen Plätzen des Landes ein, geben den Versammelten laut ihre Meinung kund und diskutieren in Gruppen. Als „Αγανακτισμένοι“ (Aganaktismeni = Verärgerte / Wütende / Empörte) bezeichnen sie sich ähnlich wie die spanischen Demonstranten. Ihre Zusammenkünfte sind friedlich und haben zuweilen ein wenig Volksfestcharakter. Manche schlagen Zelte auf. Auch Stürme und Regengüsse treiben sie nicht auseinander.

„Kommunikation ist unsere Waffe“ sagen die Teilnehmer und sie kommunizieren nicht nur untereinander vor Ort sondern via S2S (square to square = Platz zu Platz) via Lifeübertragung ( Lifestream )  beispielsweise von Athen nach Barcelona, auf dessen  Placa Catalunya in der Nacht zum 27. Mai die Ansammlung Zehntausender Griechen auf dem Athener Syntagma-Platz zu sehen waren. Worüber sich Griechen und Spanier auf Onlinemedien wie beispielsweise Twitter unter dem Schlagwort ( hashtag )  „greekrevolution“ und „spanishrevolution“ austauschen, wird allmählich zur „europeanrevolution„, einer Europäischen Revolution.

Slogans der Wutgriechen wie  „Brennt das Parlament, das Bordell, ab“ oder „Jeffrey go home“ richten sich gegen sie Regierung. Letzteres ist eine Anspielung auf den Spitznamen und die amerikanische Abstammung des amtierenden Premierministers Georgios Papandreou. „Bringt das geklaute Geld zurück“ wird gefordert.   „Brot, Freiheit, Schulbildung“ und „Die Militärdiktatur endete nicht 1973″ sind Anspielungen auf die Militärdiktatur, die zu verstehen geben sollen, dass sich die gegenwärtige Regierung bald ähnlich unbeliebt macht. Sexistische Flüche gegen Papandreou, Kanzlerin Angela Merkel und weitere Politiker entsprechen dem alltäglichen, lockeren Umgang der Griechen mit solchen Vokabeln beim Schimpfen. Mit „Journalisten, Lümmel, Abschaum“ wird die Darstellung der Situation in den Medien kritisiert. Ab und zu ist die Nationalhymne zu hören. Der eine oder andere führt eine griechische Fahne mit oder hat sich gar in eine solche eingehüllt. Doch das löst prompt Einwände und Diskussionen aus. Gespräche wie dieses über das beispielsweise von greecerevolution auf Indymedia berichtet wird, zeigen wie solche Momente griechisches Geschichtsbewusstsein wachrufen:

“Entschuldige mal, Kamerad, aber Du trägst etwas, das von der Stange an dem Gebäude  flattert, gegen das Du anschreist. Ist das nicht etwas widersprüchlich?“

“Sie sind es, die Verrat an dem Symbol geübt haben”

“Was für ein Symbol wurde da verraten? Dasjenige, das uns irgendein bayerischer König gebracht hat?”

“Ja, aber es steht für die Volksseele”

“Die Volksseele kann in vielen verschiedenen Gegenständen und Symbolen Ausdruck finden. Einige davon können universeller sein als ein nationales Symbol, das einem Folter- und Todesapparat dient.“

Quellen: Telepolis und Indymedia

Eingangsfoto: tom.tziros, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

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