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„Griechenland hat mich gerettet“ – Felix Leopold über seine Kunst und seine Wahlheimat

21. April 2016

Felix LeopoldMit seinem Programm „Lieder vom Meer“ tourt er gerade durch Deutschland und Österreich – der mit seiner griechischen Frau in Thessaloniki lebende deutsche Liedermacher und -übersetzer Felix Leopold.

Vor seinem Konzert in der Augsburger Kresslesmühle war er so freundlich, mir einige  Fragen zu seiner Kunst und seinem Leben in Griechenland zu beantworten.

Heidi:   Über deiner diesjährigen Deutschland- und Österreich-Tournee steht das Motto „Lieder vom Meer“. Warum diese Ausrichtung auf das Meer? Was fasziniert dich daran? Bist du vielleicht selbst mal zur See gefahren?

Felix:    Es gibt eigentlich zwei Ansätze. Erstens habe ich schon von Kindheit an eine Affinität zum Wasser, das heißt zum offenen Horizont. Das ist das eine. Und das zweite war jetzt, dass ich seit Jahren schon ein großer Verehrer des Nikos Kavvadias bin. Ja, warum – da ich selbst kein Seemann bin wie er? Das liegt einfach an seinen Themen. Er ist Seemann gewesen. Er war Funker an Bord, hat die ganze Welt bereist; und der Ausdruck in seinen Gedichten ist einfach die bedingungslose Akzeptant der Geschlagenen und Getretenen unserer Gesellschaft und die unglaublich große Liebe zu ihnen: Zu den Huren, zu den Kranken, zu den Bettlern, zu den Armen. Ich habe mir überlegt, „Woher kommt das?“. Vielleicht hat es ja etwas mit dem Meer zu tun, das sein Element ist. Und ich bin dann auf die Idee gekommen, dass unsere kapitalistische Gesellschaft ja auf der romantischen Idee basiert, dass alles kontrollierbar und regierbar ist. Diese Naturgewalt Meer, die zeigt uns eben, dass das alles eine Wunschvorstellung ist und nichts anderes. Das bedeutet, wir können, wenn wir uns mit dem Meer befassen, wenn wir zur See fahren, wenn wir auf dem Meer sind – sei es auch nur mit einem Boot zum Angeln – dort draußen nicht den großen Maxen spielen und glauben, „ja, wir haben alles im Griff, alles organisiert“. Wir müssen eine große Ehrfurcht haben vor dieser Naturgewalt und wir können diesem Meer eigentlich nur mit Demut begegnen und nicht mit Gewalt oder mit Regeln oder sonst irgendwas. Und im Großen und Ganzen denke ich, dass das auch so der Ansatz von Nikos Kavvadias ist und das ist es, wo wir uns so ähnlich sind – diese Grundidee.

Heidi:   Felix, du bist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Deine Frau, die Sängerin Anastasia Kalaitzopoulou, mit der du in Griechenland lebst, ist Griechin. Kennengelernt hast du sie, als du noch in Deutschland gelebt hattest, habe ich auf deiner Website gesehen.

Felix:    Ja, 1984 haben wir uns kennengelernt.

Heidi:   Und sie hat damals auch in Deutschland gelebt? Wie habt Ihr Euch dann beide entschieden, zusammen in Griechenland zu leben?

Felix Leopold im April 2016 in der Augsburger Kresslesmühle

Felix Leopold im April 2016 in der Augsburger Kresslesmühle

Felix:  Das war eine Entscheidung, die wir beide getroffen haben. Allerdings sagte sie mir schon zu Beginn, als wir ein Paar wurden, ich müsse damit rechnen, dass sie irgendwann einmal wieder nach Griechenland geht. Ich habe damals nicht groß darauf reagiert. Was sollte ich auch sagen, als 22-jährigen Lümmel damals, doch im Grund fand ich das O.K., gut, und dann über die ganzen Jahre hin hat sich das alles so entwickelt und ich habe Griechenland kennengelernt. Ich habe die Griechen besser kennengelernt. Ich habe die Sprache gelernt. Ich habe die Musik gelernt, mich mit allem befasst. Und auf einmal waren 90 Prozent meiner Freunde Griechen. Und so bin ich einfach in dieses Fahrwasser reingekommen. Wo ich auch heute sagen muss, dass Griechenland mich eigentlich gerettet hat. Ich hatte aus für mich damals unerfindlichen Gründen mich in Deutschland nie wohl gefühlt. Ich hatte immer unter Erfolgsdruck gestanden, hatte  mich immer gezwungen gefühlt, irgendwie mitzumachen, einem System zu dienen, das mir nicht gefiel. Und da kam mir diese griechische Denkart und die griechische Art, zu kommunizieren miteinander, diese liebevolle Härte in der Diskussion, diese liebevolle Direktheit, sehr entgegen. Und Mitte der 90er Jahre war ich dann an dem Punkt, wo ich gesagt habe „O.K. jetzt will jetzt weg von hier und will nach Griechenland“. Ich habe dann richtig hart gearbeitet – geschuftet wie ein Berserker. Ich habe in der Logistik gearbeitet neben meiner Musik. Tja, und dann im Jahr 2000 waren wir soweit, dass wir nach Thessaloniki umsiedeln und dort als Musiker Fuß fassen konnten. Wir hatten viele Auftritte bis durch die Krise ein gewisser Einbruch kam. Ich begann natürlich auch mit meiner Arbeit darauf zu reagieren und die Verhältnisse darin zu reflektieren. Ich fing 2010 an, auf Tour zu gehen mit einem Programm unter dem Motto „Lieder aus einem poetischen und rebellischen Griechenland“.

Heidi:   Ihr überlegt aber nicht, angesichts der Krise nach Deutschland zurückzugehen?

Felix:    Nein, um Gottes Willen! Niemals. Das schaffe ich nicht. Ich glaube, ich würde krank hier.

Heidi:   Und wie empfindet ihr das jetzt in Griechenland – Die Zeit der Krise? Was hat sich geändert für die Kunst, den Alltag, die Stimmung?

Felix:    Ich kann da nur ganz persönlich sprechen über das, was ich weiß aus meiner Nachbarschaft. Die Menschen, die jetzt richtig ganz, ganz schlimm dran sind, das sind junge Familien mit Kinder, also junge Leute, die jetzt 25, 30 Jahre sind, die ein oder zwei Kinder haben, wo bisher auch immer noch die Renten der Eltern einigermaßen gereicht haben, dass sie irgendwie – obwohl sie arbeitslos waren – über die Runden kamen. Bis zu einem gewissen Punkt, der nun überschritten ist. Und nun geht es nicht mehr, vor allem wenn sie dann auch noch aus der Stadt sind und nicht ein Heimatdorf haben, wo sie unter Umständen noch einen Acker irgendwie bewirtschaften können. Also diese Leute, die haben richtige Probleme. Und dann sind es halt noch die, die ohnehin schon niedrige Renten bekommen haben. Das sind so diese Bereiche. Die anderen, denen es auch verdammt schlecht geht, sind der kleine Mittelstand. Also, die ganzen Leute, die kleine Läden haben, Taxifahrer, kleine Lokale, Kafenia. Denen geht es auch nicht gut, weil einfach der Umsatz nicht mehr ausreicht, um die gesetzlich vorgeschriebenen Verpflichtungen zu erfüllen. Viele – das weiß ich – betreiben ihre Geschäfte – Klamottenläden, Brillenläden, kleine Lebensmittelgeschäfte, Getränkehandel –  eigentlich nur weiter, ohne dass es sich lohnt, um weiterhin in die Sozial- und Rentenkasse einzubezahlen in der Hoffnung, dass sie einmal Rente bekommen.
Das ist das eine. Das andere, was ich auch merke jetzt, ist, dass in den Nachbarschaften die Menschen wieder näher zusammengerückt sind durch die Not. Wenn jeder genügend Kohle in der Tasche hat, dann streitet er viel einfacher mit dem Nachbarn. Dann sagt er vielleicht „Ach leck du mich doch am Arsch“, ja?. Und jetzt wo sie alle wissen, dass keiner eigentlich richtig was hat und jeder in der  Not ist, verkneift man sich das lieber und ist nett zum Nachbarn. Denn vielleicht muss man ihm ja am nächsten Tag an die Tür klopfen und mal ein Ei von ihm leihen. Also ich merke schon, dass diese Stimmung wieder zunimmt. Diese eigentlich urgriechische Solidarität. Das ist jetzt so ein abgenutzter Begriff. Aber Griechenland ist ein Land, in dem man die Solidarität nicht per Gesetz verschreiben muss. Solidarität, die hat man oder hat man nicht. Wenn man sich die erst befehlen lassen müsste, dann wäre alles zu spät. Und das gefällt mir sehr gut. Es hat, wie alles immer, ein Plus und ein Minus. Der Tag hat die Nacht und das Leben hat den Tod. Mit der Krise ist das auch so. Viele junge Leute gehen auch wieder in die Dörfer. Ich finde das gut und ich halte das für viel, viel, viel sinnvoller, als die gute Ausbildung, die sie in Griechenland genossen haben – das sind ja zum Teil alles studierte junge Leute, die gute Ausbildung nach Deutschland zu tragen und hier für internationale Firmen zu arbeiten. Jeder junge Mensch, der in die Dörfer geht und dort irgendetwas produziert ist ein Gewinn für das Land. Also, die Krise, die ist zwiespältig. Die hat auch ihre guten Seiten. Und ich merke – aber das ist jetzt nur eine persönliche Erfahrung, die ich jetzt nicht auch für ganz Griechenland verallgemeinern möchte, aber ich sehe, dass die Menschen wieder zusammenwachsen und auch gelassener werden im Urteil über den anderen. Also sie verfluchen sich gegenseitig nicht mehr so leicht – streiten ist wieder was anderes, das ist Teil der freien Rede, die ich auch gern praktiziere. Ich muss sagen, ich rede in Griechenland viel freier als hier. Ich fühle mich dort wohl und möchte nicht anders leben.

Heidi:   Wie geht es nach deiner aktuellen Tournee weiter? Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Felix:    Zuerst einmal fahre ich die Tour zu Ende. Die anstehenden Termine stehen auf meiner Webseite. Ab dem 24. Mai werde ich wieder zuhause in Thessaloniki sein und mich erstmal gründlich ausschlafen.
Ab Mitte Juni geht’s dann schon wieder in die Sommersaison. Seit nun schon 15 Jahren spiele ich bis ca. Mitte September in Polychrono  auf der zur Chalkidiki gehörenden Halbinsel Kassandra in einem großen Gartenrestaurant, dem „KAPETANIOS“.
Was meine „Liederlyrik in zwei Sprachen“ und meine Tourplanung 2017 angeht, besteht die Möglichkeit, dass ich da neue Wege gehen werde. Momentan bin ich mit einem in Griechenland sehr angesehenen Liedermacher im Gespräch, und wir erkunden die Möglichkeiten einer gemeinsamen Frühjahrstour. Mehr möchte ich dazu jedoch erst dann sagen, wenn das Projekt steht.
Als Übersetzer werde ich mich dieses Jahr wohl mit Texten beschäftigen, die von Mikis Theodorakis vertont wurden. Allerdings werde ich mich da auf eher unbekannte Lieder konzentrieren. Die in Deutschland bekannten „Hits“ wie „Asma asmaton“, „To sfageio“ oder „Antonis“ wurden ja schon vor Jahren sehr gut übersetzt und von Gisela May interpretiert.
Ansonsten habe ich mir auch vorgenommen, dem Leben etwas mehr Möglichkeiten zu geben, mich überraschen zu können. Schauen wir mal, was da noch kommt.

Heidi:   Herzlichen Dank, Felix, dass du dir für meine Fragen Zeit genommen hast und dafür, dass du so packend die hierzulande viel zu wenig bekannte griechische Poesie und Liedkultur nach Deutschland und Österreich trägst, damit sie möglichst viele entdecken können.

Leib+Seele - über alles, was es für beide an Griechischem zu genießen gibt